„Sex sells“ war gestern – heute ist es Einsamkeit, Vergleich, Unsicherheit, Depression …

27 Dez Gordian Hense

„Sex sells“ war gestern – heute ist es Einsamkeit, Vergleich, Unsicherheit, Depression …

Das Internet, besser die grossen Unternehmen die das Internet beherrschen, haben daraus einen Platz der Angst und des Schreckens gemacht. Ich habe noch in den 1980 ger Jahren den Beginn des Internet live miterlebt. Habe erste Webseiten gebaut, in Foren diskutiert und Bilder über Communities getauscht, als es das eigentlich noch gar nicht gab.

Ich dachte immer, wow das Internet wird zu einer unglaublichen Demokratisierung der Erde beitragen. Jeder kann überall auf Informationen gratis zugreifen und die Welt wird ein besserer Ort. Pustekuchen!! Rund dreissig Jahre später ist es ein Platz der Manipulation geworden. Nichts ist mehr ehrlich und hinter allem muss man einen Trick vermuten. Und das hat System.

Denn besser als „Sex sells“ verkauft die Einsamkeit, die Unsicherheit, der Zweifel, die Depression ..!  Aus dem Internet ist ein Platz für Psycho-Tricks geworden. Denn damit verkauft sich alles besser. Noch besser als über „Sex“!

Das Internet ist zu einer Commerce-Machine verkommen. Nicht das ich gegen Business oder Online-Handel wäre. Es ist das „wir richten alles, aber auch alles auf den Kommerz aus“ was mich stört und wie es gemacht wird.

Sex sells ist profan – Positionierung zählt

„Sex sells“ ist profan, weil Sex bei einem grossen Teil der Menschen ein Grundbedürfnis ist. Es zieht immer. Erwähnt man ihn, so zieht es viele an. Alleine das Bild dieses Beitrages, zieht Besucher an, die sich eigentlich nicht für den Beitrag interessieren, aber trotzdem sehen wollen was es da zu sehen gibt. Es ist eben ein Grundbedürfnis das es zu befriedigen gilt.

Bei den Jungen um so mehr, da dort noch was geschehen muss. Fortpflanzung, Statussymbol, Egomani, Selbstdarstellung etc. Aber junge Leute sind ja auch Zielpublikum Nummer 1 im Marketing. Je früher ich ein Gehirn mit meinem Produkt konditioniere, desto länger kauft es mein Produkt. Wen ich als Rattenfänger einmal eingefangen habe und von den positiven Aspekten meines Produktes überzeugt habe, wird es nicht nur immer wieder kaufen, sondern er wird es anderen erzählen und das Produkt und seine Vorzüge verteidigen. Denn schliesslich muss man ja auch seine Entscheidung, das Produkt ist das Beste, verteidigen. Gerät diese Ansicht ins Wanken, so auch damit mein Selbstbild, mein Weltbild und damit mein Selbstbewusstsein. Und was nicht sein darf, darf nicht sein. Ohne Selbstbild, ohne Weltbild und ohne Selbstbewusstsein bin ich ja nichts – so sagen es die Medien. So muss ich also zu meiner Entscheidung stehen.

Bestes Beispiel dafür ist die Psychologie der Massen in der Coronazeit. Die Politik spielt mit der Psychologie der Masse und zwingt sie sich für eine Seite zu entscheiden um auf die andere Druck auszuüben. Wer sich einmal für eine Seite entschieden hat, der kann kaum noch zurück. Denn sonst müsste er an seinen Grundwerten zweifeln. Und diese Hürde ist für viele, viel zu anstrengend und gefährlich. Einfacher und bequemer ist es bei einer Meinung zu bleiben, die scheinbar eine Mehrheit vertritt. Das es die Mehrheit ist sagt mir die Politik und die Medien. Wir werden also polarisiert um uns zu positionieren und uns nicht mehr zu bewegen.

Grundbedürfnis Anerkennung

Nun sind wir mit dem Internet und der Gesellschaft aber noch weiter gekommen als schon bisher. Heute ist Social Media das A und O für jeden Pubertier. Wer da nichts ist, ist noch weniger als nichts – suggerieren die Social Media – und Internet – Unternehmen den jungen Leuten. Sie haben entdeckt, dass noch besser als „Sex sells“ die Einsamkeit, die Unsicherheit, die Angst vor dem Versagen verkauft. Das Grundbedürfnis „Anerkennung“, geliebt zu werden, ist zehn mal mächtiger als Sex. Und es ist universell einsetzbar, egal ob Mädchen oder Junge, diverse oder schwul. Anerkennung ist neutral.

Die grossen Social Media Unternehmen setzen darauf. Sie bauen bewusst alles so auf, dass jeder nach Anerkennung lechzt (likes) und sich mit allen anderen vergleicht und sich dabei schlecht fühlt. Der Ausweg ist der Konsum. Jeder vergleicht sich mit dem Profil das er bewundert und erreicht es doch niemals. Jeder User kennt das. Er schaut auf Facebook vorbei und sieht die Posts der anderen. Ist neidisch darauf was sie alles machen und wie sie sich darstellen, wer sie liked und wie oft. Wow, die Meiers waren schon wieder in der Karibik, der Michael schon wieder mit einem neuen Auto unterwegs, die Sabine hat einen ganz neuen Look und hat mindestens zehn Kilo abgenommen. Dabei suggerieren wir uns selber, durch das System, immer wieder, dass wir das alles nicht erreichen können. Wir landen in einer Abwärtsspirale. Nur wenn wir auch das kaufen, machen, reisen oder was eben die Meiers getan haben, dann können wir mithalten und werden „anerkannt“! Social Media baut damit einen enormen Druck auf, der weit mehr bringt als „Sex sells“.

Sex sells

Du kannst nie so gut sein wie das Profil auf Facebook

Untersuchungen haben gezeigt, dass sich User in Social Media in etwa so verhalten, wie es Glücksspieler in einem Casino tun. Dort gibt es Spezialisten, die die Slot-Machines so konstruieren und programmieren, dass der User immer gerade so viel gewinnt, dass er bei der Stange gehalten werden kann und den Laden nicht verlässt. In den Casinos sind es kleine Gewinne oder der gratis Drinks zur Happy Hour. In den sozialen Medien sind es die Likes, die Nachrichten und Benachrichtigungen die überall auf unseren Handys auf-popen. Oh da muss ich mal sehen, wer mich da ge-liked hat. Und schwups bin ich wieder drin in der Mühle. Erzeuge Page-Views, Klicks und bei der nächsten Gelegenheit klicke ich auf eine Anzeige und kaufe gerade eben so irgendwas.

Neugier und Glücksgefühle wie mit Kokain

Der Trick ist, die Neugier so zu nutzen, damit sich jeder mit den Posts der anderen vergleicht. Da diese aber zahlenmässig immer mehr sind, als man selber erzeugen kann, bekommt jeder ein negatives Gefühl der Unzulänglichkeit, des Versagens, der Minderwertigkeit und so weiter und so fort. Die heutige Einsamkeit, noch verstärkt durch Social-Distancing der „Massnahmen“, führt dazu das sich damit zusammen eine Spirale der negativen Selbsteinschätzung entwickelt.

Die Lösung, die die Netzwerke dafür bieten ist – kaufe dich frei. Es wird suggeriert, dass die Lösung aus der negativen Spirale, das Kaufen teurer Produkte ist. Wenn man erst einmal die tolle Reise, wie die der Meiers gemacht hat, dann ist man wieder glücklich, geliebt von anderen und nicht mehr einsam. Natürlich trifft das nicht zu, aber das überprüft keiner der User. Und so werden sie in einer Endlosschleife der Depressionen gehalten. Und die erzeugt mehr und nachhaltiger Umsatz als jedes „Sex sells“!

Postet man dann doch mal einen Bericht über seine letzte Reise und man wird anerkannt, ge-liked, Kommentare werden geschrieben oder das Post sogar geteilt, erzeugt das bei den Usern Glücksgefühle wie manche sie durch den Konsum von Kokain erreichen. Das haben Studien gezeigt. Diese Glücksgefühle sind so stark, dass viele wieder eine lange Zeit „durchhalten“ in der sie sich minderwertig und schlechter als die anderen fühlen. Der Kreislauf geht von vorne los.

Wir müssen etwas ändern

Als Berater für Online-Marketing oder Marketing allgemein verabscheue ich diese Entwicklung und setze mich dafür ein, die Massnahmen zu hinterfragen und einen allgemeinen „Corporate Governance of Marketing“ zu entwickeln. Also ein Regel- und Prüfwerk für Marketing-Massnahmen im Internet. An dem sich Unternehmen messen lassen müssen. So wie es Produkttests von unabhängigen Prüfstellen gibt, sollte es auch Prüfstellen für Social Media und ähnliche Systeme geben.

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Geld verdienen mit Social Media – alles über Werbung im Internet

[…] es nie, sich davon dauerhaft ernähren zu können. Ganz prinzipiell gilt, dass die Zahl der Follower und Fans ganz massgeblich darüber entscheidet, wie viel Geld man einnehmen kann und wie […]

 

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